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Die WOCHE DER BRÜDERLICHKEIT ist eröffnet

Gemeinsam mit OB Dr. Frank Mentrup  hat unser Generalintendant Peter Spuhler gestern im Rathaus die Woche der Brüderlichkeit eröffnet.  
Wir wurden mehrfach gebeten, die Rede zur Verfügung zu stellen. Hier ist sie:

Sehr geehrte Vorsitzende, insbesondere liebe Frau Rosenberg, ich freue mich sehr über die Einladung und es ist eine Ehre für mich, hier sprechen zu dürfen.

Wir haben es gerade gehört: Das Thema der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit heißt „Freiheit, Vielfalt, Europa.“

Ich möchte Ihnen dazu eine Geschichte erzählen. Das heißt eigentlich, eine Reihe von Geschichten. Beurteilen Sie bitte selbst, was sie mit „Freiheit, Vielfalt und Europa“ zu tun haben. Vielleicht fügen sich die Geschichten am Ende zu einer Aussage. Und bitte haben Sie Verständnis, wenn ich das Thema auf das beziehe, von dem ich etwas verstehe, hoffentlich etwas verstehe, das Theater.
Im Jahr 2009 fuhren der jetzige Karlsruher Schauspieldirektor Jan Linders und ich mit einer Reihe von Schauspielern nach Israel. Für Linders war es der 10. Israel-Besuch in 5 Jahren. Für mich und viele der Darsteller war das Land neu. Einige der Schauspieler waren noch nie außerhalb Europas, hatten bis dahin keinen Reisepass. Brauchten ihn nicht. Wir waren Teil eines Theaterprojektes, das uns für zwei Jahre mit dem Beit-Lessin-Theater in Tel Aviv verbinden würde. Gemeinsam entstanden in der Folge sechs Inszenierungen.

Den Anfang machte das Rechercheprojekt They call me Jeckisch. Die Jeckes sind die deutschstämmigen, vor dem zweiten Weltkrieg eingewanderten Juden in Palästina. Über sie gibt es eine Vielzahl von Urteilen und Vorurteilen. Sie werden angeblich so genannt, weil sie sich weigerten, auch bei größter Hitze ihre Jacken abzulegen.
Offensichtlich behielten sie auch im heiligen Land ihre deutschen Traditionen und Eigenheiten bei - die da angeblich sind: Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, aber auch Besserwisserei. Und es gibt eine Vielzahl von Witzen über die Jeckes.
Wir führten über 70 Interviews mit Angehörigen der ersten Generation, die sich über das Interesse freuten - und mit ihren ebenfalls neugierigen und engagierten Enkeln, der sogenannten dritten Generation. Die zweite Generation weigert sich oftmals, über ihre Beziehung zu Deutschland und den Holocaust zu reden. Dann kombinierten wir das dokumentarische Material zu einem Stück.

Die Aufführung wurde von zwei israelischen Schauspielern, Michael Hanegbi und Hadas Kalderon, sowie Ute Baggeröhr und Frank Wiegard aus unserem Ensemble gespielt. Für die Endproben reisten die beiden Israelis erstmals in ihrem Leben nach Deutschland. Hadas‘ Großvater war der berühmte jiddische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Abraham Sutzkever. Er starb zwei Tage vor der Premiere. In der bewegendsten Szene des Abends spielte Hadas mithilfe ihres IPhones ein Gespräch ein, das sie mit ihrem Großvater geführt hatte: wie sie ihn fragte, ob sie nach Deutschland reisen dürfe – und er es ihr schließlich erlaubte. Ohne diese Erlaubnis wäre sie nicht zu uns gekommen.
Die Diskussionen während der Proben dieser Inszenierungen waren so heftig, dass wir sie ebenfalls zum Gegenstand der Aufführung machten. Das gab der bewegenden Produktion eine weitere, wichtige Ebene.
Gerade der Austausch der gegensätzlichen Haltungen ließ am Ende das Verstehen wachsen. Nach den Vorstellungen wurde mit dem Publikum oft noch bis tief in die Nacht weiter gesprochen.
In der zweiten Inszenierung untersuchten wir, wieder auf der Basis von Recherchen, den Schmelztiegel Tel Aviv. Wir beteiligten erneut israelische und deutsche Darsteller und den deutsch-jüdischen Regisseur Stéphane Bittoun. Diesmal wurde in Israel geprobt. Wir stießen auf Menschen, die sich für die Inkarnation Jesu halten, andere, die im Untergrund leben usw. Die Aufführung war in Israel nicht unumstritten.
Das dritte Projekt war das Stück einer jungen israelischen Autorin über medizinische Menschenexperimente der Nazis und die ethische Frage, ob man deren Ergebnisse zur Heilung etwa von Erbkrankheiten wie Alzheimer verwenden darf. Das vierte Projekt über die Dreiecksbeziehung eines alten Juden, eines mittelalten Deutschen und eines jungen Palästinensers harrt bis heute seiner endgültigen Verwirklichung. Das fünfte Projekt war die fiktive Räumung der Heidelberger Universität als Performance von israelischen Tänzern zusammen mit echten deutschen Polizisten und Feuerwehrleuten.
Im sechsten und abschließenden Projekt untersuchten wir unsere eigene Situation kritisch. Wir nannten es Peace Syndrome. Es ging um das deutsche Bedürfnis, Frieden in die Welt zu bringen. Also um mit einem europäischen Pass ausgestattete, jederzeit zur Rückkehr fähige Friedens-Abenteurer oder: Friedens-Touristen.

Immer waren an diesen Projekten - auf Initiative des sehr engagierten damaligen Leiters des Goethe-Instituts, Georg Blochmann, israelische bildende Künstler beteiligt, überwanden Grenzen des Zweidimensionalen, schufen Räume und arbeiteten erstmals in Theaterzusammenhängen.

Möglich wurde dieser Austausch durch ein Programm der Bundeskulturstiftung "Wanderlust". Die Idee dahinter: Die Kulturstiftung des Bundes unterstützte deutsche Stadt-, Staats- und Landestheater, die das Fernweh gepackt hatte und die sich zu neuen Horizonten aufmachen wollten, um von anderen Theatersystemen, Spielweisen und Stoffen zu lernen. Der Fonds Wanderlust förderte auf Antrag eine feste Austauschpartnerschaft mit einem ausländischen Theater für die Dauer von bis zu drei Jahren. Die konkrete Gestaltung der Partnerschaft oblag den jeweiligen Theatern, entsprechend deren Interesse und Möglichkeiten. Es war wünschenswert, möglichst viele Mitarbeiter der Häuser an der Zusammenarbeit zu beteiligen. Insgesamt waren 20 Länder, 22 deutsche Städte und 28 deutsche Theater involviert. 1300 Theatermitarbeiter profitierten von diesem Austausch.
Am Ende unserer zweijährigen Zusammenarbeit war Freundschaft gewachsen. Eine Freundschaft, die es möglich machte, in vielfach anderer Meinung zu sein und sich dennoch wert zu schätzen.Viele der beteiligten deutschen Schauspieler beschrieben die gemeinsame Arbeit als wichtigste in ihrem Berufsleben.
Jeder hielt übrigens, zumindest am Anfang, sein Theatersystem und dessen Qualität für überlegen. Aber es gab eine Menge voneinander zu lernen.
Israel ist ein Land mit 7 Mio Einwohnern und 4,5 Mio Theaterzuschauern. Man geht bereits am Nachmittag ins Theater, nach dem Einkaufen, oftmals mit Einkaufstüten. Dann ist abends die zweite Vorstellung. Der Applaus währt kurz, ist kenntnisreich und, wenn verdient, heftig.
Die Stücke sind alle zeitgenössisch. Natürlich. Alles ist Gegenwart. Selbstverständlich gibt es vielfältige Formen des reinen Unterhaltungstheaters. Es gibt aber auch, und das ist das Interessante, die Diskussion der gesellschaftlich relevanten Fragen auf der Bühne.

Ich gebe Ihnen einige Bespiele:
- Ist das äthiopische Kindermädchen am plötzlichen Tod des Babys schuld - oder sind das Vorurteile?
- Soll sich der schwule Lehrer, der von einer Schülerin des sexuellen Übergriffs beschuldigt wird, durch sein coming out vor dem Verlust des Arbeitsplatzes retten?
- Oder wie steht es mit der Solidarität in einem Frauenhaus, in dem moslemische und jüdische Opfer männlicher Gewalt aufeinandertreffen.

Das Theater ist in Israel einer der wichtigen Orte des Nachdenkens über die Gesellschaft und der beispielhaften Erörterung von sozialen Problemstellungen. Die israelischen Kollegen blickten mit Mitleid auf uns, dass wir mit neuen Stücken eine Vorstellungszahl von 10-20 Aufführungen erreichen. Sie erzielen 100, manchmal über 1000. Und natürlich ist diese zeitgenössische Dramatik nicht in kleine Spielstätten verbannt. Entsprechend sehen und diskutieren über sie also das Zehnfache, wenn nicht das Hundertfache von Besuchern. „Ich erreiche oft mehr Menschen mit meinen Themen als das israelische Fernsehen,“ so meine äußerst selbstbewusste Kollegin vom Beit Lessin Theater.

Ich wusste übrigens, dass sie - wie die Intendantin der israelischen Oper - Deutsch verstand und sprach. Aber sie würde unsere Sprache nicht benutzen. Sie ist Angehörige der zweiten Generation. Theater in Israel ist politisch, zumindest gesellschaftspolitisch. Es nimmt Stellung. Es bietet Anlass zur Diskussion.
Als letzten Satz von Peace Syndrome sagte der in Berlin lebende israelische Theatermacher Ariel Nil-Levy übrigens auf der Bühne: „Euer deutsches Theater ist so schlapp, dass ihr die Migranten und die Israelis holen müsst, um es wieder interessant zu machen.“

Ich wechsele nach Deutschland, ins Jahr 1933 und zitiere aus der „Karlsruher Theatergeschichte“, dem Buch, das die gleichnamige Ausstellung des Generallandesarchivs 1982 im Badischen Staatstheater begleitete.
„Fast alle Intendanten mussten damals ihre Posten räumen, obwohl sie, wie der Karlsruher Intendant Dr. Hans Waag, keineswegs „links“ waren und teilweise das völkische Theater bereits vor 1933 gefördert hatten. Aber ihr Name stand doch für den Kulturbetrieb der Systemzeit, für Expressionismus und DADA, Arbeitertheater und Förderung nicht-deutscher Autoren, die das deutsche Volk mit pazifistischen, internationalistischen, unmoralischen Vorstellungen „verseuchten“, so steht es im Kapitel „Theater im Dienste des NS-Staates“

„Es hat wenige Bereiche des öffentlichen Lebens gegeben“, liest man weiter, „in denen sich die nationalsozialistische Machtergreifung des Jahres 1933 so radikal ausgewirkt hat, wie gerade im Theaterleben …“ Die „Entjudung“, wie es damals hieß, des gerade neu so benannten Badischen Staatstheaters war bereits Ende Juli 1933 abgeschlossen. Also nur drei Monate nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933. Genauer gesagt: eigentlich nur eine Woche nach dem Wechsel der Verantwortlichkeiten vor Ort.
Am 8. März legte die Reichregierung die Geschäfte der alten badischen Landesregierung in die Hände des neuen Reichkommissars. Zwei Tage später erschien ein programmatischer Artikel des späteren Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst in der Karlsruher NSDAP-Zeitung „Der Führer“ über „das neue Drama“, in der die „Neuordnung des deutschen Bühnenlebens“ programmatisch angekündigt wurde. Am 16.März erhielten die jüdischen und „politisch unzuverlässigen“ Künstler ihre formularhafte Kündigung, von der sie zuvor aus der Zeitung erfahren hatten. Der Intendant war einen Tag vorher entlassen worden.
Mich hat beim Lesen dieser Satz besonders berührt: „die sie zuvor aus der Zeitung erfahren hatten“. D. h. nicht nur die Betroffen hatten es vorher erfahren – sondern mit ihnen auch viele andere: Kollegen, Zuschauer, Bürger. Und was taten sie? Es sind mir keine nennenswerten Formen öffentlichen Widerstands bekannt. Wir müssen uns offensichtlich an den Gedanken gewöhnen, dass die deutschen Theater keineswegs Orte des Widerstands waren – so sehr wir uns das heute zurückblickend wünschen würden. Und daran, dass das Publikum offensichtlich selbst bei Menschen, die sie vor kurzem noch bewundert hatten, ebenfalls Zurückhaltung statt Haltung übte.
Wenn wir heute zurückschauen, kann es uns nur beschämen, wie gering die öffentliche Auflehnung damals war, wie wenig ausgeprägt Mut und Hilfsstellung – und wie groß auch hier die Bereitschaft zum Verrat am Mitmenschen, am Kollegen und zur Karriere wider das eigene Gewissen. Wer auch immer hofft, dass Theater Orte der Aufklärung sind, muss sich mit dieser irritierenden Teilnahmslosigkeit, dem Schweigen und Nicht-Stellung-Beziehen auseinandersetzen.
Was aber stand in dem Artikel von Hanns Johst, – der übrigens als Autor bereits ab 1927 in Karlsruhe gespielt wurde? „Das Drama war zuletzt am augenscheinlichsten die Stätte der Zersetzung, der Auseinandersetzung, der Materialismen, der Parteilichkeit. Das kommende Theater wird Kult werden müssen“ Die Karlsruher Theatergeschichte führt weiter aus: „Damit hat ein führender Funktionär angedeutet, welche Rolle dem Theater im NS-Staat zugedacht war. Nachdem es in radikaler Abkehr von allen Tendenzen der Zwanzigerjahre das experimentelle Theater hinter sich gelassen hatte, sollte es zum Ausdruck gesunden Volkstums zurückfinden, sollte die in der nationalsozialistischen Ideologie verankerten Grundwerte des deutschen Menschen darstellen und damit dem völkischen Gedanken ihren sinnfälligen Ausdruck verleihen. Am Ende dieser Entwicklung sollte das kultische Theater stehen, dessen Inhalte freilich recht verschwommen bleiben, zumal sich bald abzeichnete, dass es sich auf der herkömmlichen Bühne nicht verwirklichen lies.“
In Karlsruhe wurden, wie überall in Deutschland, ab März 1933 nur noch deutsche Autoren gespielt. Mit Ausnahme von Shakespeare übrigens (weil absurderweise Die lustigen Weiber von Windsor, warum auch immer, eines von Hitlers Lieblingsstücken Hitler war).
Schauen wir uns die Gegensätze einmal an: Auf der einen Seite, sie haben es gehört, Internationalität, pazifistisches und „unmoralisches“, „zersetzendes“ Gedankengut – auf der anderen Seite das rein „Deutsche“, die Klassiker, der Kanon, das „Kultische“, der „völkische Gedanke“. Also ganz ausdrücklich nicht mehr ein Theater der Offenheit, der Vielfalt, des freien gesellschaftlichen Diskurses. Im Umkehrschluss zu den Vorgaben der Nazizeit müsste also ein Theater der Internationalität, der Widersprüchlichkeit und des Pazifismus ein erstrebenswertes Ziel sein.Ein Theater, das Grenzen auslotet und zur Diskussion stellt, das Widersprüche aufzeigt und Komplexität, nicht Einfachheit, vermittelt.
Während unseres zweiten Aufenthalts in Israel bereisten wir auf Initiative von Jan Linders auch die sogenannte Westbank. In Jenin hatten Nachbarn von mir aus Tübingen ein Kino eröffnet, um die Menschen dort mit Filmen kulturell zu versorgen. Vielleicht haben sie davon gehört: das „Cinema Jenin“. Doch das ist eine eigene Geschichte.

Im Flüchtlingslager von Jenin, einem der Zentren des anti-israelischen Widerstands bzw. des Terrorismus in den Zeiten der zweiten Intifada, gibt es auch ein Theater. Es nennt sich heute das "Freedom Theater" und wurde schon in den 1990er Jahren gegründet von Arna Mer, einer mit einem Palästinenser verheirateten kommunistischen jüdischen Schauspielerin. 2002 wurde das Theater von israelischen Truppen auf der Suche nach Terroristen zerstört, 2006 von ihrem Sohn Juliano Mer Khamis wieder aufgebaut.
Der auch zeitweilig in Karlsruhe, unter der Intendanz von Pavel Fieber, engagierte Schauspieler Stefan Wolf-Schönburg, arbeitete dort intensiv mit jugendlichen Schauspielschülern. Im Internet findet sich ein hochemotionaler und dennoch informativer Blog über seine Erlebnisse.

Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, in dieser politisch und religiös gleichermaßen spannungsgeladenen Situation Stücke wie Farm der Tiere oder Frühlings Erwachen mit Jugendlichen aufzuführen? Im ersten Jahr meiner Intendanz luden Jan Linders und ich Juliano Mer-Khamis mit der Produktion Was noch? zu einem einmaligen Gastspiel nach Karlsruhe ein. Vielleicht hat es jemand von ihnen gesehen?

Erstmals sahen die jungen Darstellerinnen und Darsteller durch diese Reise das Meer, einen Flughafen, eine Bahn, einen See. Einer benutzte die Theaterfahrt als Chance, nicht mehr zurückzukehren - sondern sich nach Norwegen durchzuschlagen. „Ist es nicht verrückt“, sagte damals eine israelische Besucherin, dass ich nach Deutschland fahren muss, um eine Gruppe Theater spielen zu sehen, die 30km von mir entfernt wohnt?
Dieses Theater lotete die Grenzen sehr weit aus. Für einige Menschen offensichtlich zu weit. Wenige Monate vor diesem Gastspiel wurde Juliano Mer-Khamis durch Unbekannte im Auto vor seinem Theater erschossen. Auf den Knien hatte er seinen kleinen Sohn. Dieser überlebte, wie auch das Kindermädchen, weil die Ermordung aus nächster Nähe, von einem Motorrad aus, geschah.
Mer-Khamis sagte von sich, dass er 100 Prozent Israeli und 100 Prozent Palästinenser sei - und er machte sich damit keine Freunde. Sein Mut hat ihn das Leben gekostet. Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt.
Die Lage in Jenin hat sich nicht verbessert. Aber das Theater existiert noch und spielt weiter.

Wo beginnt Brüderlichkeit? Mit Interesse?

„Warum eigentlich diese Angst vor dem Fremden“, war eine der zentralen Fragen gestern bei unserer intensiven Publikumsdiskussion nach unserem Auftragswerk zu Sinti und Roma Roma Romeo und Sinti Carmen im JUNGEN STAATSTHEATER.
Als wir im Mai 2011, im Oktober des gleichen Jahres und im Mai 2012 die Besucher unseres Schauspiels nach ihren Werthaltungen fragten, kam heraus, dass sich die Karlsruher von ihrem Schauspieltheater politisches Engagement wünschen. Dass sie erwarten, dass gesellschaftlich relevante Themen behandelt werden.
Wir haben diesen Anspruch ernstgenommen. Er trifft auch unser eigenes Bedürfnis. Wir denken, dass man aus der Geschichte durchaus lernen kann.
Zur Zeit haben Sie Gelegenheit, mit Doctor Atomic und Die Passagierin Opern über den Bau der Atombombe und das Vernichtungslager Auschwitz zu sehen – in der meines Wissens nur bei uns existierenden Reihe „politische Oper“. Setzen Sie sich dieser wichtigen Erfahrung bitte aus – wenn Sie das noch nicht getan haben. Es wird sie verändern.

Ebenso werden wir mit Rechtsmaterial ein Stück zum Nationalsozialistischen Untergrund auf die Bühne bringen. Es ist hochinteressant, die NSU-Terrorzelle mit der Terroristen-Gruppe im SCHLAGETER-Drama von Hanns Johst zu vergleichen. Eben jenes Hanns Johst, der oben mehrfach Erwähnung fand. Regisseur Jan-Christoph Gockel will aufzeigen, dass der Rechtsterrorismus in Deutschland eine Geschichte hat und Polizei und Verfassungsschutz eigentlich nicht überraschen konnte.
In Maienschlager schließlich erzählen wir die Geschichte der doppelt unmöglichen Liebe eines Hitlerjungen zu einem jüdischen Jungen während der NS-Zeit. Hier wird von der jungen Autorin Katharina Gericke eine Utopie der Brüderlichkeit gezeichnet – vor dem Hintergrund der uns alle präsenten Geschichte. Aufstand heißt ein Werk, das wir zusammen mit dem Maxim-Gorki-Theater Berlin über die Widerstandsbewegung in der Türkei in Auftrag gegeben haben und das als Voraufführung bei den EUROPÄISCHEN KULTURTAGEN zu sehen sein wird.
Am Pfingstmontag schließlich wird ein Text in Karlsruhe zur Aufführung kommen, der Hohe Auflösung heißt. Er stammt vom ukrainischen Autor Dymtro Ternovyi und spielt in einer Wohnung mit Blick auf den Maidan-Platz. Scharfschützen wollen von dort auf Demonstranten schießen, ein syrischer Flüchtling hält sich hier versteckt, Pflastersteine (!) – ja, Sie haben richtig gehört – diskutieren über den Wert des Lebens – und der Freiheit. Das Stück wurde vor über einem Jahr geschrieben.
In eben jener Hotellobby, in der noch vor wenigen Wochen unser Dramaturg Michael Gmaj zusammen mit der jungen, persisch-stämmigen Regisseurin Mina Salehpour und dem Autor über den Text sprachen, sahen wir im Fernsehen vor wenigen Tagen die Leichen des ukrainischen Widerstands liegen. Die Realität hat das Stück in ihrer visionären Kraft überholt. Das Werk sah in seinem Titel und in seinem Inhalt die Zukunft voraus. Wir sind stolz darauf, dass die Uraufführung bei uns in Karlsruhe stattfindet.

Warum erzähle ich das alles? Nicht als Werbeblock für das Staatstheater.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie das Badische Staatstheater während meiner Intendanz als politischen Ort wahrnehmen – nicht im platten Sinne von Parteipolitik, sondern in dem weiteren einer Fragen-stellenden und Grenzen-auslotenden Institution, die gesellschaftlich interessiert- und engagiert ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine der wesentlichen Aufgaben staatlich und kommunal finanzierter Kultur ist.
Ich freue mich, dass wir mit Menschen aus über 40 Nationen neben der Universität voraussichtlich der interkulturellste Arbeitgeber in Karlsruhe sind. Das ist für uns eine Frage der Ehre. Es ist aber - wie bei den Hochschulen - auch Voraussetzung für unsere Qualität.
Unsere Grenzen werden immer weiter. Ich persönlich genieße das sehr. Ich habe Freude an allem mir Neuen, Unbekannten – und ich möchte diese Freude gerne weitergeben.

Karlsruhe ist eine Kulturstadt im Herzen Europas. Ihre Gründung war beispielhaft: ein Dokument der Toleranz, Offenheit, Klugheit – und des über die Grenzen hinaus zielenden Blicks. Dieser steht ihr weiterhin gut. Es gilt, ihn zu pflegen und fördern.
Diese Offenheit sollte sich auch in unserem Theater spiegeln und es auszeichnen. Es sollte eine Bühne sein für die Geschichten aller Menschen, die in unserer Stadt leben. Nicht allein der typisch deutschen. Und wir werden uns daran gewöhnten, auch auf der Schauspielbühne andere Sprachen zu hören als allein die unsrige. Nein, nicht nur gewöhnen: wir sollten es aktiv herbeiführen, mit Freude möglichst viel von der vorhandene Vielfalt auskosten und stolz darauf sein.

Ich meinerseits bin stolz, in einer Stadt zu leben, die den Mut hat, Krieg – und die Suche nach Frieden zum Gegenstand von Europäischen Kulturtagen zu machen. Allein die Einrichtung von EUROPÄISCHEN Kulturtagen finde ich bemerkenswert.

Als ehemaliger, kurzzeitiger Sinologe fände ich es inzwischen aber auch angemessen, den Horizont noch mehr zu weiten. Wäre es nicht schön, wenn Karlsruhe sich zusätzlich zu den vorhandenen eine Partnerstadt oder eine Kulturpartnerschaft außerhalb Europas wählen würde? Aus Neugier, aus Freude am Unbekannten – und im eigenen egoistischen Interesse, um etwas zu lernen und Brüderlichkeit zu üben.

Das können wir, das können Sie tun, wenn wir alle wollen. Was noch?
Theater hat für mich auch etwas mit Zeugenschaft zu tun.

Wir haben vor einigen Wochen erstmals Stolpersteine im Gedenken an zwei entrechtete und verfolgte Künstler des Staatstheaters verlegt, die Sängerin Lilly Jank und den Schauspieler Paul Gemmecke.
Doch noch fehlen Steine. Und es fehlt vor allem auch ein angemessener, gedenkender Hinweis auf den jüdischen Generalmusikdirektor Hermann Levi in Karlsruhe. Vor wenigen Tagen haben wir den Entschluss gefasst, uns anlässlich des Stadtjubiläums in einer Inszenierung mit eben jenen Künstlern des Staatstheaters zu beschäftigen, die in der Nazizeit Beruf, Zukunft und ihr Leben verloren. Anlass dafür war dieser Vortrag. Ich hoffe, das wird sie freuen! In Zusammenhang mit der Aufführung dieses Werks im Frühjahr 2015 könnten die Stolpersteine vervollständigt und der Platz vor dem Staatstheater zum „Hermann-Levi-Platz“ werden.

Denn im Gegensatz zu Felix Mottl, seinem antisemitischen Nachfolger, von dem die Bemerkung überliefert ist „wenn es nicht sein muss, wollen wir doch die Juden außen lassen“, wird des großen jüdischen Dirigenten, der Mozarts Opern ins Deutsche übersetzt und den Parsifal uraufgeführt hat, in Karlsruhe bisher nicht durch einen Ort gedacht.
Ich denke wirklich, dass wir etwas ändern können, wenn wir es wollen.

Ich wünsche der Woche der Brüderlichkeit einen großen, aufklärerischen Erfolg.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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